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Philipp Reußner alias der "Schwimmbadtourist" im Interview

Autorenbild: HHT Team
HHT Team
30. Okt.
8 Min. Lesezeit

Mehr als 200 Schwimmbäder, unzählige Bahnen und immer ein neues Abenteuer – Philipp Reußner über Europas schönste Becken und seine außergewöhnliche Bucket List.


Uns Triathleten wird ja gerne nachgesagt, dass wir eine kleine Macke hätten. Natürlich nur im positiven Sinne. Wir lieben Herausforderungen, sammeln besondere Erlebnisse und sind immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Unser heutiger Interviewgast lebt diese Leidenschaft auf seine ganz eigene Art. Philipp Reußner hat bereits mehr als 200 Schwimmbäder besucht und getestet. Seine außergewöhnliche Reise führte ihn durch Freibäder und Hallenbäder in ganz Europa: von England und Island über Ungarn, Österreich und Italien bis nach Spanien, Monaco, Frankreich und in die Schweiz. Für Philipp ist jedes Schwimmbad eine neue Entdeckung, jede Bahn ein kleines Erlebnis und jeder Sprung ins Wasser der Beginn einer neuen Geschichte. Doch wo findet man die schönsten Becken Europas? Was macht ein Schwimmbad wirklich besonders? Und wie wird aus einer Leidenschaft eine echte Bucket List? Aloha und herzlich willkommen, Philipp Reußner, besser bekannt als der „Schwimmbadtourist“. Dive in!


Bildquelle: kovii_media


Philipp, schon als Kind warst du im Schwimmverein aktiv. Als Jugendlicher hast du das Interesse am Sport zunächst verloren, bevor du 2017 deine Leidenschaft für das Schwimmen wiederentdeckt hast. Kurz vor dem Corona-Lockdown hat dann ein besonders schönes Bad in Berlin deine Neugier geweckt und seitdem bist du auf der Suche nach außergewöhnlichen Schwimmbädern. Welches Bad war dieser Startpunkt, und welche haben dich seitdem am meisten beeindruckt?

„Richtig, angefangen hat alles mit dem Stadtbad Mitte in Berlin, einem wunderschönen, lichtdurchfluteten Bad aus den 1930er-Jahren. Mein absolutes Lieblingsbad ist aber die Olympia-Schwimmhalle in München. Ich liebe die Leichtigkeit der Konstruktion: Die Decke hängt quasi vom Himmel, im Inneren gibt es keine Stützen. Wirklich eine architektonische und planerische Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass das Bad schon über 50 Jahre alt ist. Von der Kulisse her ist das Dolomitenbad in Lienz großartig. Beim Schwimmen blickt man auf ein Bergmassiv, so etwas mag ich sehr. In Frankreich gibt es die sogenannten Piscines Tournesol, also Sonnenblumenbäder. Sie sehen aus wie UFOs aus den 60er-Jahren und lassen sich auf einer Seite zur Sonne hin öffnen. Apropos Frankreich: Mein 200. Schwimmbad war das Centre Aquatique Olympique Métropole du Grand Paris. Das Bad wurde extra für die Olympischen Sommerspiele 2024 gebaut, und der Fokus lag auf Nachhaltigkeit. Die Sitze sind aus recyceltem Plastik, und geheizt wird mit der Abwärme eines benachbarten Rechenzentrums."


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Seitdem hältst du auf Dienstreisen und im Urlaub immer Ausschau nach besonderen Schwimmbädern, für echte Highlights reist du sogar ganz bewusst an. Nach jedem Besuch fotografierst du das Becken von der Stirnseite und hältst damit deine ganz persönliche ‚Trophäe' fest. Heute verfolgen viele Menschen deine Bädertouren auf Instagram. Wie ist aus dem privaten Hobby ein Projekt mit so vielen Fans geworden? Und wie bringst du die vielen Badbesuche in deinem Alltag unter?

„Das hat sich eigentlich von selbst entwickelt. Anfangs habe ich das nur für mich gemacht und die Fotos nebenbei auf Instagram gepostet. Ich habe immer mal geschaut, was es so für Schwimmbäder gibt. Nachdem Spiegel Online auf mich aufmerksam wurde und einen Artikel über mich und mein Hobby veröffentlicht hat, ist das Ganze dann zum Selbstläufer geworden. Ich habe gemerkt, dass viele Menschen mein Hobby spannend finden oder es sogar teilen. Mittlerweile bekomme ich aus meiner Community immer wieder Tipps, wo ich unbedingt mal hin muss. Die Liste wird immer länger. Meistens besuche ich Bäder am Wochenende oder im Urlaub. Oft kombiniere ich Besuche bei Freunden mit einem Badbesuch oder lege die An- oder Abreise so, dass ich unterwegs noch woanders schwimmen gehen kann. Ich besitze kein Auto und bin in aller Regel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Das Deutschlandticket hat dem Ganzen noch mal einen ordentlichen Schub gegeben."


Bildquelle: Schwimmbadtourist


Nachdem du bereits in so vielen Schwimmbädern deine Bahnen gezogen hast: Was hast du aus all diesen Besuchen gelernt, und worauf kommt es bei einem Badbesuch wirklich an? Wie groß sind die Unterschiede bei Wasserqualität und Personal? Und hattest du immer genug Platz zum Schwimmen, oder wurde es in manchen Becken auch mal richtig eng?

„Das Wichtigste ist die Planung. Bei Hallenbädern muss man neben den allgemeinen Öffnungszeiten auch die Bahnbelegung im Blick haben. Wichtig ist außerdem, wie das Becken geleint ist: Ein ungeleintes Becken ist für sportliche Schwimmer wie mich nicht ideal. Unterschiede in der Wasserqualität konnte ich bisher eigentlich nicht feststellen. An heißen Tagen merkt man in Freibädern in den Abendstunden zwar schon, dass die Filter an ihre Grenzen kommen, aber im Normalfall ist alles super. Auch beim Personal kann ich mich bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen nicht beschweren. In aller Regel sind die Mitarbeitenden freundlich und hilfsbereit. Mit dem Platz im Becken ist das so eine Sache, das kann man vorher schwer abschätzen. Ein Extremfall war vor wenigen Wochen in Den Haag: Dort hat das 50-Meter-Hallenbad sonntags nur zwei Stunden am Vormittag geöffnet. Auf jeder Bahn waren etwa 15 Personen, das war wirklich extrem. Gut finde ich es, wenn es eine klare Regelung gibt, wer wo schwimmt. In Nürnberg ist das besonders gut gelöst, dort gibt es zusätzlich zu den Sportbahnen extra Kraulbahnen."


Du bist nicht nur in Deutschland unterwegs, sondern auch im europäischen Ausland. Wie schneiden die deutschen Bäder im Vergleich ab? Und gibt es Besonderheiten, die wir uns hierzulande abschauen könnten?

„Auch wenn es bei uns einen erheblichen Sanierungsstau gibt und regelmäßig Bäder schließen, stehen wir im Vergleich mit dem Ausland gar nicht so schlecht da. Ich stelle fest, dass in Deutschland durchaus viele neue Bäder gebaut werden und dabei viel Wert darauf gelegt wird, dass sie auch ansehnlich sind. In Italien zum Beispiel sind Hallenbäder eher funktionale Sporthallen mit einem Schwimmbecken darin. Was es im Ausland häufig gibt, ist eine Badekappenpflicht. Dagegen hätte ich nichts, wenn es die bei uns auch gäbe, denn Haare im Becken finde ich nie schön."


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In Deutschland ist der Mangel an Wasserflächen längst ein bekanntes Problem. Viele Schwimmbäder sind überfüllt, sanierungsbedürftig oder von der Schließung bedroht. Wie ernst ist die Lage aus deiner Sicht, und tut sich etwas? Und wie sieht es im europäischen Ausland aus: Gibt es dort ähnliche Herausforderungen?

„Erst kürzlich hat der Bund rund 250 Millionen Euro Fördergelder für die Sanierung von Schwimmbädern bewilligt, gefördert werden 195 Projekte. Beantragt waren rund 3,2 Milliarden Euro für etwa 960 Projekte. Das zeigt deutlich, wie groß der Sanierungsstau aktuell ist. Es geht in kleinen Schritten voran, aber immerhin geht es voran. Im Ausland ist das ähnlich: Es gibt immer wieder schöne moderne oder sanierte Bäder, aber auch sehr heruntergekommene. Ich glaube, in manchen Ländern wird deutlich weniger in die Instandhaltung investiert als bei uns."


Philipp, bei so vielen Besuchen hast du bestimmt auch einige kuriose Momente erlebt. Welche Geschichten sind dir besonders in Erinnerung geblieben, und hat ein Badbesuch auch mal überhaupt nicht geklappt?

„Besonders kurios war der Besuch im Freibad in Monaco. Es liegt direkt an der berühmten Schwimmbadkurve im Hafen, bekannt aus dem Formel-1-Rennen. Als ich dort war, lag das Rennen erst wenige Tage zurück, die Tribünen und alles andere waren noch im Abbau. Zum Schwimmbad musste ich mich über Leitplanken und durch die Boxengasse hangeln. Auf Sizilien dagegen habe ich es gar nicht in ein Schwimmbad geschafft. Das kommunale Bad in Palermo wurde gerade saniert, ansonsten gab es nur private Bäder mit Zugang ausschließlich für Mitglieder. Ein Bad hätte sogar eine Ausnahme gemacht, wollte dafür aber zusätzlich ein Gesundheitszertifikat sehen, und das hatte ich im Urlaub natürlich nicht dabei. In Reykjavík gab es in den Duschen einen Aufseher, der darauf geachtet hat, dass man vor dem Schwimmen wirklich nackt und mit Duschgel duscht. Dort kommt das warme Wasser ja direkt aus der Erde und wird daher nicht wirklich gechlort. Richtig schön war auch ein Freibad im alten Hafenbecken von Kopenhagen."


Lass uns über die besondere Freibadkultur in Deutschland sprechen. Was macht unsere Freibäder für dich so einzigartig, gerade im Vergleich zu dem, was du im Ausland erlebt hast? Und welche Rolle spielen sie aus deiner Sicht für unsere Gesellschaft?

„Freibäder in Deutschland sind meistens Orte, an denen man einen ganzen Tag verbringt, mit Angeboten für die ganze Familie. Vom Babybecken über Rutschen und Sprungturm bis zum Sportbecken gibt es bei uns alles. Auch die Flächen rund um die Becken sind in aller Regel mit viel Grün und Bäumen gestaltet. In anderen Ländern, zum Beispiel in Italien, habe ich das anders erlebt. Dort gibt es häufig nur ein Becken zum sportlichen Schwimmen und drumherum ein paar Liegestühle, aber keine Wiesen oder Rutschen. Das sind eher Sportstätten. In Deutschland sind Freibäder ein wichtiger sozialer Ort, an dem sämtliche Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen. Und das Beste: In Badekleidung erkennt man nicht, wer Oberärztin und wer Bauarbeiter ist. Ein wichtiges Gut ist auch der niedrigschwellige Zugang: relativ günstige Preise und keine Mitgliedschaft, einfach Eintritt zahlen und einen Tag Kurzurlaub genießen."


Bildquelle: kovii_media


Freibäder und Hallenbäder stehen ganz oben auf deiner Bucket-List. Doch wir wissen, dass du hin und wieder auch im See oder sogar im Fluss deine Bahnen ziehst. Außerdem warst du bei der Challenge Roth und beim Allgäu Triathlon schon als Staffelschwimmer am Start. Wie hat dir die Schwimmstrecke im Allgäu gefallen, sehen wir dich wieder? Und welche Freiwasser-Events stehen noch auf deiner Liste?

"Die Schwimmstrecke beim Allgäu Triathlon war wirklich ein Erlebnis. So nah wie dort sind Zuschauer bei keinem anderen Schwimmevent dran, das ich kenne."

„Für 2027 ist es bei meiner Staffel und mir schon beschlossene Sache: Wir sind wieder dabei. Außerdem stehen noch ein paar Freiwasser-Events im Meer in Italien auf meiner Liste, und die 17 Kilometer im Wörthersee würden mich auch reizen."


Allgäu Triathlon

Philipp, lass uns den Blick nach vorne richten: Welche Bäder stehen noch auf deiner Bucket-List? Und gibt es eines, auf das du dich ganz besonders freust?"

„Meine Bucket-List ist sehr, sehr lang. In Breslau in Polen gibt es ein historisches Bad, das aussieht wie gemalt. Da möchte ich unbedingt einmal hin. In der Schweiz gibt es viele schöne Freibäder mit Alpenblick, zum Beispiel das Panoramabad Gruebi. Ganz besonders freue ich mich aber auf das Volksbad in Nürnberg, eines der größten Jugendstilbäder Europas, das 2027 nach jahrelanger Sanierung wieder öffnet. Und auch in Australien gibt es ein paar Bäder, die ich gern mal besuchen würde."


Kommen wir zu deinem Trainingspensum: Du schwimmst jeden Monat rund 100 Kilometer, eine beeindruckende Distanz! Wird dir beim Kachelnzählen und dem ständigen Blick auf den Beckenboden nicht irgendwann langweilig? Oder ist es gerade der gleichmäßige Rhythmus, dieser fast meditative Flow, der dich am Schwimmen so fasziniert?

„Nein, tatsächlich nicht. Ich genieße es, einfach mal meine Ruhe zu haben und zu schwimmen. Wie du schon gesagt hast: Der meditative Flow ist das Schöne daran. Am schnellsten vergeht die Zeit, wenn mehrere Leute auf der Bahn sind. Dann habe ich alle permanent im Blick und achte darauf, wer wann wo ist, damit ich mit niemandem zusammenstoße und weiß, wann ich wen überholen kann."


Zum Abschluss noch ein Rat von dir: Was empfiehlst du Triathleten und Schwimmern, die im Wasser schnell an ihre Grenzen kommen und noch nicht den richtigen Flow gefunden haben?

„Bei Triathleten beobachte ich oft, dass sie versuchen, mit maximalem Materialeinsatz und Technikübungen an ihrer Geschwindigkeit zu arbeiten. Allen Anfängern sage ich immer: ‚Lerne, langsam zu schwimmen.' Die Geschwindigkeit kommt dann von allein. Viele versuchen im Becken, fehlende Technik durch Tempo zu kaschieren, und sind dann nach ein oder zwei Bahnen platt. Im Freiwasser wird dann häufig zum Brustschwimmen gewechselt. Technikübungen aus dem Internet oder aus irgendwelchen Trainingsplänen bringen nichts, wenn sie falsch ausgeführt werden. Da braucht es jemanden, der individuell auf einen eingeht, denn nicht jeder hat die gleichen Baustellen. Aus meiner Erfahrung muss zuerst die Atmung funktionieren, dann die Wasserlage sitzen, und erst zum Schluss feilt man am perfekten Armzug, um aus jedem Zug das Maximum herauszuholen."


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Lieber Philipp, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen und uns mitgenommen hast. Von der Boxengasse in Monaco über die Olympia-Schwimmhalle in München bis ins Hafenbecken von Kopenhagen. Wir sind gespannt, wo deine nächsten Bahnen hinführen, ob ins Volksbad in Nürnberg, nach Breslau oder bis nach Australien. Und besonders freuen wir uns schon auf 2027, wenn du mit deiner Staffel wieder beim Allgäu Triathlon an den Start gehst. Bis dahin wünschen wir dir viele neue Becken, unvergessliche Entdeckungen und immer genug Platz auf der Bahn. Zumindest mehr als in Den Haag!





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