Johanna Hiemer im Interview

Drei Kapitel, ein Weg: Ironman-Finish, Olympiatraum, Familienglück.
Johanna Hiemer ist Triathletin, Skibergsteigerin, Trailrunnerin, Olympionikin, Mama und vor allem eine Athletin, die ihren eigenen Weg gegangen ist. Mit 18 Jahren finishte sie ihre erste Langdistanz beim Ironman Austria. Später führte sie ihre Leidenschaft für die Berge bis in den Weltcup, zu Podestplätzen und schließlich auf die olympische Bühne von Mailand-Cortina. Dazwischen: Siege beim Allgäu Sprint, Trailrunning auf WM-Niveau, viele Reisen, harte Trainingsjahre und die große Herausforderung, Leistungssport und Familienleben miteinander zu verbinden. In diesem Interview spricht Johanna über die Anfänge mit ihrem Vater als Vorbild, über den Traum von Olympia, über mentale Stärke, Abschied, Neubeginn und darüber, warum Sport für sie bis heute mehr ist als Wettkampf: ein Stück Freiheit, Familie und Lebensweg zugleich.

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Johanna, du bist eine dieser Athletinnen, bei denen man merkt, dass ihre sportliche Geschichte nicht in nur eine Schublade passt. Viele haben dich in der Triathlonszene spätestens nach deinem zweiten Sieg beim Allgäu Sprint 2021 auf dem Radar gehabt, dabei reicht deine Reise viel weiter zurück, bis zum Ironman Austria 2013 und natürlich in eine ganz andere Welt, in der du im Skibergsteigen auf höchstem Niveau unterwegs warst, bis hin zu Weltcup und Olympia. Genau deshalb würden wir gern noch ein Stück weiter vorne anfangen: Wie hat diese sportliche Reise eigentlich begonnen? Wie bist du zum Skibergsteigen, zum Trailrunning und später auch zum Triathlon gekommen? Und war für dich schon früh spürbar, dass du ein echtes Multisporttalent bist, oder hat sich das erst im Laufe der Jahre gezeigt?
"Meine Reise zum Triathlon hat tatsächlich schon sehr früh begonnen, weil mein Papa selbst Triathlet war und mein erstes großes sportliches Vorbild ist. Durch ihn bin ich überhaupt erst zum Wettkampfsport gekommen."
Schon als Kind habe ich sehr gut schwimmen gelernt. Gleichzeitig waren wir als Familie viel mit dem Rad unterwegs, oft auch auf längeren Tandem- und Packtaschentouren, die jedes Jahr fest zu unserem Familienleben dazugehört haben. Dabei waren wir meist fünf bis sieben Tage am Stück auf verschiedenen Radwegen unterwegs. So war ich schon von klein auf im Radfahren sehr gut aufgestellt. Und Laufen ist ja etwas, das Kinder ganz selbstverständlich mitbringen. Dadurch hatte ich in allen drei Disziplinen von Anfang an eine sehr gute Basis.
Mit zwölf Jahren bin ich meinen ersten Halbmarathon gelaufen, mit 14 dann meinen ersten Kindertriathlon. Ab diesem Zeitpunkt war ich sofort Feuer und Flamme für diese Kombination aus Schwimmen, Radfahren und Laufen. Natürlich auch, weil mein Papa dabei immer ein großes Vorbild für mich war.
Spätestens als ich meinem Papa beim Ironman Austria zugeschaut habe, war für mich klar: Das möchte ich irgendwann auch machen. Mein großer Traum war es, eine Langdistanz direkt mit 18 Jahren zu absolvieren, also sobald es möglich ist. Dieses Ziel konnte ich mir dann tatsächlich erfüllen: Mit gerade einmal 18 Jahren bin ich meine erste Langdistanz in 10 Stunden und 52 Minuten gefahren und gelaufen. Damit hätte ich mich im Amateurbereich sogar für Hawaii qualifiziert. Ich habe mich damals aber bewusst dagegen entschieden, weil mir klar war, dass zwei Ironman-Rennen in diesem Alter einfach zu viel gewesen wären. Rückblickend war das definitiv die richtige Entscheidung, denn die körperlichen Nachwirkungen einer Langdistanz mit 18 waren schon erheblich.
Nach zwei bis drei Monaten hatte ich mich aber wieder gut erholt und bin dem Triathlon sportlich immer treu geblieben, allerdings eher auf Hobby- beziehungsweise Amateurbasis. Natürlich habe ich immer wieder einmal darüber nachgedacht, ob ich es als Profi versuchen sollte, aber diesen Schritt habe ich nie wirklich gewagt.
Ebenfalls mit 18 Jahren bin ich dann zum Skibergsteigen gekommen und dort war relativ schnell klar, dass meine Leidenschaft noch einmal auf einer ganz anderen Ebene liegt. Ab diesem Zeitpunkt ist der Triathlon zunehmend in den Hintergrund gerückt und wurde eher zur Nebensache. Als dann bekannt wurde, dass Skibergsteigen olympisch wird, war für mich endgültig klar: Das ist mein Sport.

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Skibergsteigen war lange eher ein Sport für echte Insider und ist im deutschsprachigen Raum erst in den vergangenen Jahren breiter ins Bewusstsein gerückt. Umso spannender ist dein Weg, weil du in dieser Disziplin schon so früh und so erfolgreich unterwegs warst. Mit Weltcupsiegen, zahlreichen Podestplätzen, vielen starken Top-Ten-Ergebnissen und dem Auftritt bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Mailand-Cortina hast du in diesem Sport beeindruckende Spuren hinterlassen. Dazu kam mit dem ersten Weltcup-Sieg für Österreich im Mixed-Team noch einmal ein ganz besonderer Moment. Wenn du auf diese Reise blickst: Welchen Stellenwert hat Skibergsteigen in Österreich inzwischen? Und welcher deiner vielen Erfolge oder welcher ganz besondere Moment ist dir bis heute am stärksten im Herzen geblieben?
Skibergsteigen ist natürlich zuletzt stärker ins Rampenlicht gerückt, vor allem, weil die Sportart erstmals olympisch vertreten war. Ich denke schon, dass sie dadurch insgesamt mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Auch innerhalb des österreichischen Skiverbands hat sich in Sachen Förderung einiges positiv entwickelt. Für einige meiner Teamkollegen haben sich dadurch beispielsweise Möglichkeiten beim Bundesheer, beim Zoll oder bei der Polizei ergeben. Insofern ist Skibergsteigen definitiv stärker ins Bewusstsein gerückt und wird heute besser gefördert als noch vor einigen Jahren.
Trotzdem bleibt es insgesamt leider eine klare Randsportart. Viele Menschen kennen unseren Weltcup nach wie vor nicht und wissen auch nicht, welche Athletinnen und Athleten in dieser Szene unterwegs sind. Das liegt vor allem daran, dass unsere Bewerbe nur sehr selten im Fernsehen übertragen werden.
Genau deshalb hatte der Heimweltcup in Schladming, den es bis vor einem Jahr noch gab, für mich einen ganz besonderen Stellenwert. Dort war das Fernsehen vor Ort, die Rennen wurden im österreichischen TV auch zur Hauptsendezeit gezeigt, und unser Sport konnte dadurch einmal einer breiteren Öffentlichkeit nähergebracht werden.
Ein Moment, der mir dabei ganz besonders in Erinnerung bleiben wird, ist mein zweiter Platz im Vertical-Weltcup auf meinem Hausberg, der Planai in Schladming. Das war etwas unglaublich Besonderes für mich.
"Generell sind Podestplätze jene Momente, die für immer im Sportlerherz bleiben. Das sind genau die Augenblicke, für die man über Jahre hinweg hart arbeitet, auf vieles verzichtet und von denen man als Athletin träumt."
Diese Erlebnisse werden mich mein Leben lang begleiten. Sie machen mich bis heute innerlich glücklich und stolz, weil ich als Sportlerin solche Momente erleben und erreichen durfte.
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Du warst nie nur in einer Welt zuhause. Parallel zum Skibergsteigen bist du auch immer wieder in anderen Sportarten aufgetaucht. Vor allem im Trailrunning und im Triathlon. Du warst unter anderem bei den Berg- und Traillauf-Weltmeisterschaften 2023 in Innsbruck am Start und hast dir beim Allgäu Triathlon mit vier Siegen beim Allgäu Sprint in den Jahren 2019, 2021, 2023 und 2024 eine ganz besondere kleine Erfolgsgeschichte geschrieben. Genau diese Vielseitigkeit macht natürlich neugierig. Wie hast du es geschafft, diese verschiedenen Sportarten parallel so stark auszuüben? Und ganz ehrlich: Gab es auf deinem Weg auch Momente, in denen du selbst gedacht hast, vielleicht sollte ich dem Triathlon doch noch einmal ernster und professioneller eine Tür öffnen?
Ich glaube, der Grundstein für meine Vielseitigkeit wurde schon in meiner Kindheit gelegt. Ich hatte das Glück, sehr viele unterschiedliche Sportarten ausprobieren zu dürfen, war immer sportbegeistert und habe mich eigentlich für alles interessiert, auch für verschiedene Ballsportarten. Diese breite sportliche Basis hat mich sicher geprägt und mir geholfen, mich in unterschiedlichen Disziplinen gut zurechtzufinden.
Den Triathlon habe ich immer auf Amateurbasis betrieben. Ich konnte mir tatsächlich nie wirklich vorstellen, diesen Sport professionell auszuüben, weil für mich meine Ausbildung immer im Vordergrund stand. Vor allem das Jurastudium war sehr anspruchsvoll, deshalb war für mich zu dieser Zeit klar, dass ich meinen Schwerpunkt auf diesen Weg legen möchte, auch wenn ich für den Triathlon sehr viel Leidenschaft mitgebracht habe.
Dann kam ohnehin relativ bald das Skibergsteigen dazu, wodurch sich die Frage nach einer professionellen Triathlon-Karriere für mich eigentlich gar nicht mehr gestellt hat. Und heute, mit 31 Jahren, kann ich es mir erst recht nicht mehr vorstellen, Triathlon professionell zu betreiben. Was aber auf jeden Fall bleibt, ist meine Freude an diesem Sport: Auf Amateurbasis werde ich sicher auch weiterhin Triathlons machen.

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Wenn du Triathlon und Skibergsteigen einmal miteinander vergleichst, dann wirken beide Sportarten auf den ersten Blick zwar unterschiedlich, haben aber wahrscheinlich auch viele gemeinsame Elemente. Gerade, wenn es um Ausdauer, Belastungsverträglichkeit und die Fähigkeit geht, über lange Zeit auf hohem Niveau zu performen. Unabhängig davon, dass im Triathlon natürlich Schwimmen, Radfahren und Laufen im Mittelpunkt stehen: Wie unterschiedlich fühlt sich das Training in beiden Welten wirklich an? Ist das Pensum ähnlich hoch, geht es um vergleichbare Reize bei Ausdauer, VO2max, Intervallen und Intensitäten, oder verlangt Skibergsteigen dem Körper und auch dem Kopf noch einmal etwas ganz anderes ab?
Ich persönlich habe vor allem gemerkt, dass ich das Triathlon-Training mental nicht so gut ausgehalten habe. Das viele Schwimmen in der Halle, das Laufen auf flachen Strecken und auch manche sehr strukturierten Einheiten haben mir auf Dauer oft zu wenig Abwechslung geboten. In dem Moment, in dem ich meine Liebe zu den Bergen entdeckt habe, hat sich für mich sehr schnell gezeigt, dass mir das Skibergsteigen mental deutlich mehr entspricht.
Natürlich gibt es in beiden Sportarten viele gemeinsame Elemente. Gerade was Ausdauer, Belastungsverträglichkeit, VO2max, Intervalle und intensive Reize betrifft. Auch das Trainingspensum kann durchaus vergleichbar hoch sein. Aber für mich hat sich das Training im Skibergsteigen trotzdem ganz anders angefühlt, weil es mir emotional und mental viel mehr gegeben hat.
Die Berge, das Gelände, die Natur und diese besondere Verbindung aus körperlicher Härte und alpinem Erlebnis haben mir einfach viel mehr entsprochen als das klassische Triathlon-Training. Deshalb habe ich mich letztlich für das Skibergsteigen entschieden.
Lass uns in das Jahr 2026 springen — nach Mailand-Cortina, zu diesem großen olympischen Kapitel, das dich über Jahre begleitet hat. Der Traum von einer Medaille war ja nicht einfach nur ein fernes Ziel, sondern eine Kraft, die deinen Weg geprägt und deinem Alltag über lange Zeit eine klare Richtung gegeben hat. Dafür hast du als junge Mama enorm viel investiert, organisiert, getragen und wahrscheinlich auch immer wieder neu ausbalancieren müssen. Am Ende standen mit Platz sechs in der Mixed-Staffel und Platz 14 im Sprint zwei starke Ergebnisse auf olympischer Bühne. Doch hinter diesen Platzierungen steckt ja eine viel größere Geschichte: von Disziplin, Verzicht, Reisen, Trainingslagern, Wettkämpfen, Familienalltag und der ständigen Herausforderung, all das nicht nur körperlich, sondern auch mental zusammenzuhalten. Wie intensiv und wie fordernd war dieser Weg für dich wirklich? Und wie schafft man es, in so einer Phase zwischen großem Traum und täglicher Verantwortung die Balance nicht zu verlieren?
Ja, absolut. Es war eine sehr große Herausforderung, diesen beiden Rollen gerecht zu werden und immer wieder die richtige Balance zu finden. Es ging ständig um die Frage:
"Wie viel Zeit investiere ich in den Familienalltag, ohne dass der sportliche Weg darunter leidet? Und umgekehrt: Wie viel kann ich dem Sport geben, ohne dass das Familienleben zu kurz kommt?"
Gerade dieses ständige Austarieren war für mich eine der größten Herausforderungen, vor allem auch mental. So viel unterwegs zu sein, viel auf Reisen, viele Nächte ohne mein Kind zu verbringen: Das war für mich der schwierigste Teil. Daran habe ich am meisten geknabbert. Vor allem das Wegsein von zu Hause und das damit verbundene Heimweh haben mich immer wieder sehr beschäftigt.
Im letzten Jahr ist es dann aber wirklich extrem gut gelaufen. Ich war deutlich entspannter, konnte das Wegfahren jedes Mal viel mehr annehmen und sogar genießen. Ich war mental sehr gut vorbereitet, hatte keine Schlafprobleme und habe insgesamt wieder zu einer sehr guten Balance gefunden.
In diesen viereinhalb Jahren bin ich aber definitiv auch immer wieder aus dem Gleichgewicht geraten. Was mir in solchen Phasen besonders geholfen hat, waren ruhigere Zeiten — bewusst etwas weniger Training, mehr Raum zum Runterkommen und Abstand vom ständigen Spannungsfeld zwischen Leistungssport und Familienalltag.
Auch mentales Training hat dabei eine große Rolle gespielt. In diesem Bereich bin ich enorm gewachsen und hatte es am Ende so gut im Griff wie nie zuvor. Vielleicht ist mir auch genau deshalb der Abschied vom Spitzensport so schwergefallen.

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Nach deiner letzten Weltcup-Saison hast du dein Karriereende bekannt gegeben, warst aber beim Patrouille des Glaciers bereits wieder am Start, diesmal bei einem Hobbyrennen. Nach vielen Jahren im Leistungssport ist so ein Schritt oft nicht nur ein Abschied, sondern auch der Beginn eines neuen Kapitels. Deshalb würde uns interessieren: Wird man dich künftig häufiger bei Hobbyrennen sehen? Wie blickst du insgesamt auf die kommende Zeit? Reizt dich vielleicht irgendwann noch einmal eine ganz andere sportliche Herausforderung, oder steht jetzt ganz bewusst vor allem die Zeit mit deiner Familie im Mittelpunkt?
Patrouille des Glaciers war für mich in erster Linie ein Rennen, das ich bewusst mit zwei Partnerinnen gemacht habe, mit denen ich sehr gerne an den Start gehen wollte. Uns war dabei klar, dass wir in dieser Konstellation keine absolute Topzeit anpeilen, sondern vor allem gemeinsam ein starkes Rennen erleben möchten. Insofern war es für mich gleichzeitig auch der erste Auftritt in meiner neuen Rolle beziehungsweise in einer neuen sportlichen Ausrichtung.
Diese neue Ausrichtung bedeutet für mich, weiterhin aktiv zu bleiben und den Sport nach wie vor mit großer Freude auszuüben, allerdings mit einem anderen Anspruch an mich selbst. Es geht jetzt nicht mehr darum, wie in den Jahren Richtung Olympia zu trainieren, sondern darum, mir neue persönliche Ziele zu setzen, die zu meinem jetzigen Leben passen.
Einige davon habe ich bereits vor Augen. Im August bin ich zum Beispiel für einen 80-Kilometer-Ultratrail angemeldet. Außerdem möchte ich weiterhin ausgewählte Skitourenrennen außerhalb des Weltcups bestreiten. Langweilig wird mir also sicher nicht.
Dazu kommt, dass ich zu Hause in den Familienbetrieb eingebunden bin, mit einem großen Fitnessstudio, in dem ich jetzt bereits die ersten Vormittage im Büro verbracht habe. Außerdem werde ich weiterhin die Kurse geben, die ich dort schon bisher unterrichtet habe. Unter anderem Pilates und Rückenfit, auch mit älteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Gleichzeitig wird nun auch die Familienzeit wieder mehr Raum bekommen. Ich bin deutlich öfter zu Hause und nicht mehr so lange am Stück unterwegs. Das tut unserer gesamten familiären Situation sehr gut und hilft uns als Familie enorm.
Vielen Dank, Johanna, für das Gespräch und deine offenen Einblicke. Für deinen neuen Lebensabschnitt wünscht dir das gesamte Team von Hannes Hawaii Tours alles erdenklich Gute. Und vielleicht führt dich dein Weg ja bald wieder an die Startlinie des Allgäu Triathlons. Wir würden uns jedenfalls sehr darüber freuen.

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